#9 Was tun, wenn das Mobile schief hängt?

Meine Söhne hatten als kleine Kinder bunte Mobiles über dem Bett hängen und ich kann mich noch an die Faszination in ihren Augen erinnern, wenn das Mobile aus dem Gleichgewicht gebracht wurde. Diese Faszination scheint sich bei Erwachsenen in Grenzen zu halten. Denn immer, wenn ein System – sprich ein Organisationssystem, Familiensystem oder gar ein ganzes Wirtschaftssystem – durch eine Veränderung oder Krise aus dem Gleichgewicht gebracht wird, stöhnen die Menschen unter der Last der Turbulenzen. So wie viele von uns jetzt auch. Das wirtschaftliche Mobile ist weltweit kräftig gestört worden, manche Schnüre wie z.B. jene der Automobilindustrie hängen schlaff herunter, andere Schnüre wie die Pflegeberufe erfahren zumindest punkto Wertschätzung Aufwind und Betriebe wie Hersteller von Masken und Schutzanzügen erfahren einen regelrechten Boom.

Das Mobile ist das Lieblingsmodell von meinem Kollegen Peter Jaksch und gemeinsam verwenden wir es sehr gerne, um zu erklären, was in einem Change Projekt passiert. Er sagt dann zum Kunden: „Wenn man an einer Stelle am Mobile zupft, wackelt das ganze Ding.“ Die Anlässe für eine Beratung sind oft sehr fokussiert auf einen Bereich wie z.B. Verbesserung der Qualität in der Produktion. Doch in Wahrheit verschiebt sich durch Interventionen in einem Bereich der Organisation oft das gesamte Gefüge – Verantwortlichkeiten werden durcheinandergewirbelt, die Arbeitslast ist plötzlich ungleich verteilt und die Angst vor Veränderung lähmt an so manchen Stellen die Motivation.

Was ist also zu tun, damit das Mobile in ein neues Gleichgewicht kommt? Das Wichtigste ist jetzt, dass Verständnis für die unterschiedlichen Positionen im Mobile entsteht und die durch die Veränderung entstandenen „Schmerzen“ der verschiedenen Beteiligten wahrgenommen und anerkannt werden. Hier hilft uns die Einstellung eines Archäologen: Der Archäologe bewertet keine Position als gut oder schlecht, sondern hört zu, nimmt wahr und fragt nach, um zu verstehen. Denn mein eigener Lieblingssatz in einem Change Projekt lautet: „Man kann immer nur von dort weggehen, wo man tatsächlich ist.“ Solange man sich in einer Illusion befindet und meint, dass man nur ein wenig an einer einzelnen Schnur im Mobile herumbasteln muss und alles ist wieder gut, der wird wenig später mit einem windschiefen Gebilde zu kämpfen haben, wo alle Schnüre gleichzeitig bearbeitet werden sollten.

In einer Veränderung gehen wir daher gerne schrittweise vor – dort starten, wo die größte Veränderungsenergie spürbar ist und immer wieder innehalten und herausfinden, welche Auswirkungen diese ersten Schritte haben und wie es den Menschen damit geht. Dann die nächste Intervention und wieder innehalten … usw. Bei diesen Zwischenstopps ist es hilfreich, immer auf verschiedene Ebenen zu schauen:

  • Was ist inhaltlich weitergegangen?
  • Wie haben sich die Beziehungen verändern? Gibt es etwas zu klären?
  • Welche Strukturen brauchen wir, dass eine Weiterentwicklung möglich ist?

Peter erzählt noch ein schönes Zitat von einer potentiellen Kundin: „Die Digitalisierung hat im Moment oberste Priorität – für die Weiterentwicklung der Zusammenarbeit haben wir da keine Zeit.“ Die Digitalisierung wäre dann also eine ordentliche Last an einem Punkt des Mobiles und möglicherweise wäre es sinnvoll, gleichzeitig auch den Zipfel “Kultur der Zusammenarbeit” in Angriff zu nehmen, sonst kippt das ganze Gefüge …

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen viel Erfolg mit der Gestaltung Ihrer ganz persönlichen Systeme und senden einen herzlichen Gruß,

Mira Meiler

 

Foto: Thomas Egger

4 Gedanken zu „#9 Was tun, wenn das Mobile schief hängt?“

  1. Sehr schöne und klare Darstellung der Problematik in sogenannten „Veränderungsprojekten“. Veränderung ist aber kein Projekt sondern eine ständige Notwendigkeit. Nur permanentes gemeinsames „flippen“, (c) Niels Pfläging, bringt uns weiter.

    1. Danke Shlomo, da hast du natürlich Recht. Nach dem “Projekt” sind die Menschen in den Organisationen natürlich gefordert, alleine weiterzumachen …

  2. Interessante Gedanken mit/ um das Mobile – kann da gut Deinen Ideen folgen und beipflichten.
    Hast Du Dich neu positioniert? Neuer Busniss.Auftritt?
    Lieben Gruss aus der Schweiz.

    1. Danke, Reiner! Ich mache nach wie vor Change Beratung, allerdings jetzt hauptsächlich unter eigener “Flagge” und bin für Kooperationen jeder Art offen. Herzlichen Gruß in die Schweizer Berge!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.